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Future Work und PEGIDA: Wenn der demographische Wandel zur Falle der Migrationsnotwendigkeit wird

 In Deutschland, Europa, Future Work, Köln, Politik & Öffentlicher Sektor

Was wir jetzt erleben und nicht wahrhaben wollen, ist nicht nur auf Dresdens Straßen bei “abendlichen Spaziergängen” Realität geworden, sondern schon lange als offene Frage in unseren Köpfen. Wieviel Zuwanderung verträgt ein Land? Oder anders – individueller – ausgedrückt: “Wieviel Zuwanderung vertrage ICH?”

Die erste Frage ist eher philosophisch, manchmal auch politisch / ideologisch, mit Sicherheit aber auch wirtschaftlich zu beantworten. Sie ist vor allem aber abhängig von der Migrationsverteilung, damit eine Integration auch stattfinden kann. Denn Integration setzt etwas voraus, was bisher immer gern vorausgesetzt wird: Eine größere Menge von Integrierenden, die gewillt ist, eine kleinere Menge zu integrieren; in sich aufzunehmen, zu fördern, zu begleiten und als neues Mitglied der Gesellschaft wertzuschätzen.

Das klappt immer dann, wenn man auf individueller Basis wirtschaftlich eben nicht durch eben diese Migration bedroht ist. Oder sich auch nur bedroht fühlt. Letzteres setzt ein wirtschaftliches Umfeld voraus, das in der Lage ist, die einheimische Bevölkerung UND die zusätzliche Migration gemeinsam zu beschäftigen. Denn damit Migration auch für die Migranten klappt, bedarf es neben frommen Sprüchen auch für diese gesicherte Lebensverhältnisse und einer alleintragenden Arbeit als Basis.

Den Wunsch arbeiten zu wollen, setzen wir bei Migranten gerne voraus, doch die Zuwanderung aus EU-Osteuropa hat uns da eines Besseren belehrt. Die Asylpolitik damit zu vermischen ist falsch, da das ein anderes Thema ist. Sie hat etwas mit Humanität zu tun und nicht mit Sozial- oder Wirtschaftspolitik, die den demographischen Wandel hierzulande abzufedern hat.

Doch was ist, wenn dieser Ansatz scheitert? Wenn eben nicht alle für sich fühlbar und erlebbar durch Migration eben nicht benachteiligt werden. Wenn der untere, sozial schwächere Teil, der Bevölkerung glaubt, zu denen zu werden, auf deren Kosten das stattfindet? In Regionen, wo die Wirtschaft schwächelt, der demographische Wandel schon jetzt Ortschaften aussterben lässt und viele ältere Menschen leben, die zusätzlich zu wirtschaftlichem Druck nun auch noch die sein sollen, die integrieren sollen, wo sie sich doch selbst zunehmend als “entbehrlich” ansehen.

Das PEGIDA sich gegen Islamisten und eine Islamisierung des “Abendlandes” wendet ist mit Sicherheit der Angst geschuldet, hier im Lande den Terror zu haben, der anderswo schon üblich ist. Auch wenn das noch so absurd ist. Doch Angst reagiert nicht auf Sachargumente. Sie ist da. Manchmal auch nur unterbewusst. Und das ist das, was die zunehmende Unterstützung für solche Bewegungen fördert. Und wenn viele zugeben, diese Angst zu haben, dann wird diese kommuniziert. Erst friedlich und einvernehmlich auf Basis dessen, was unsere Demokratie und Freiheit aus- und groß macht. Dann allerdings, wenn man sich wieder verspottet und nicht ernstgenommen fühlt, wird der Protest massiver. Radikale Parteien gewinnen Stimmen und werden zu Wortführern. Auch das ist menschlich, denn Opportunismus ist eine grundlegende politische Eigenschaft und letztlich der Motor des politischen Systems. “ICH(!!!) will was bewirken”, steht am Anfang einer jeden Politikerkarriere.

Was hat das mit Future Work zu tun? Dem demographischen Wandel?

Der demographische Wandel wird etwas freisetzten, was schon jetzt bei PEGIDA eine Rolle spielt: Die Einsicht, ein Leben lang gearbeitet zu haben und ggf. “leer auszugehen”. Oder nur so viel zu haben, wie andere automatisch bekommen. Dass Riesterrente auch noch damit verrechnet wird, obwohl man es zusätzlich bezahlt hat, um eben mehr(!) zu haben.

Der 61-Jährige J.M. in Dresden bei der Demo sagt, für ihn sei ein Patriot derjenige, der seine Heimat liebe und ausspreche, was ihm nicht passe. Einer, der sich nicht verstecke. Er redet lange darüber, dass er 40 Jahre als Stahlbaumonteur geschuftet habe, aber ihm jetzt nur eine Rente auf Hartz-IV-Niveau bleibe: “Das kann es doch nicht sein.”

(Quelle: Spiegel Online Politik, 16.12.14)

Leider ist das schon oft jetzt so. Und in zehn Jahren wird das noch viel schlimmer sein, denn bisher wird dieses Thema gerne totgeschwiegen. Doch die Kontrolle, ob man selbst betroffen ist, ist recht einfach. Man nehme den jährlichen Rentenbescheid, vergleiche diesen mit der Grundabsicherung von 690 Euro pro Monat und rechne diesen mit 1% pro Jahr bis zur eigenen Rente hoch. Der Effekt ist oft erstaunlich, wie schnell man Angst bekommen kann.

Leere Rentenkassen haben erst die Situation heraufbeschworen, immer länger selbsttragend (darauf liegt die Betonung!!) arbeiten zu müssen. Das gekoppelt mit dem Effekt, dass von unten kaum noch junge / frische Arbeitskräfte nachkommen, um eben die Alten, gern als Generation X, geburtenstarke Jahrgänge oder Babyboomer bezeichnet, als Rentner finanzieren zu können und der Wirtschaft genug qualifizierte Arbeitskräfte bereitzustellen, damit die notwendige Produktivität erhalten bleibt. Das innerbetrieblich prozessual und organisatorisch hinzubekommen, ist ein Teil von Future Work. Der andere Teil ist der notwendige Makrorahmen, der in der Lage ist, diese innerbetriebliche Mammutaufgabe bis hinunter auf Kommunalebene gesellschafts- und wirtschaftspolitisch zu unterstützen [1].

PEGIDA zeigt, dass man nun “Feindbilder” schafft, um mitunter Themen zu artikulieren, die nicht Ziel der Bewegung waren, die aber als Protestsammelbecken nun zum Bauernfänger werden. Sich Mehrheiten zu verschaffen sucht, indem sie andere Themen für sich vereinnahmt. Und damit Macht gewinnen wird. Der 61-Jährige aus Dresden sagt es ja. Von Islam ist da nur am Rande die Rede. Gibt es auch kaum im Raum von Dresden. Überhaupt ist die ganze Demo in Dresden, was Islamisierung angeht, eher ein Treppenwitz. Der Ausländeranteil ist, im Gegensatz zu Köln, Berlin oder München, lächerlich gering. In diesen Städten ist diese kosmopolitisch gelebte Migrationsrealität eben das: Realität. Sogar soweit, dass ausländische Staatsoberhäupter hier Wahlkampfreden halten und dabei unseren Staat, der es ihnen möglich macht hier überhaupt was sagen zu dürfen, anfeindet. Also mehr geht fast schon nicht mehr, ohne als Integrationsgesellschaft sich selbst lächerlich zu machen…

Wenn wir das also als Anfang dessen sehen, was auf uns zukommen könnte, zukommen wird, dann zeigt es deutlich, dass Migration eben nicht mehr nur mit wirtschaftlicher Notwendigkeit gesehen werden kann, sondern der sozialpolitische Aspekt eben diese Wirtschaftlichkeit gefährdet, weil sie dauerhaft den sozialen Frieden nicht zu unterstützen scheint, wenn es weiter so gemacht wird wie bisher.


Abb.1: Thematische Ganzheitlichkeit von Migration für Future Work

Der Migrationspolitik, die spätestens in der zweiten Phase des demographischen Wandels in Deutschland existenziell werden wird, muss also neben den Chancen und der bloßen Notwendigkeit auch eine Relation zu ihren möglichen sozialpolitischen Auswirkungen aufzeigen [2]. Und das nicht ausgerichtet an einem Wunschbild ideologisch-politischer Prägung, sondern an dem realen Empfinden der Bevölkerung. Selbst dann, wenn dieses Empfinden als lächerlich erscheint, so ist dennoch mit einem zu rechnen: Es wird einer kommen und das politisch ausnutzen. Nischen ziehen Marktteilnehmer an. Und Politik ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Die einen erzielen Umsatz, die anderen Wählerstimmen. Letztere entscheiden dann mitunter darüber, in was für eine politische Umwelt sich dann die Wirtschaft einzuordnen hat. Und die Wirtschaft hat keine Wählerstimmen…

Wer also jetzt ganzheitlich Future Work und Migration miteinander verknüpfen will, muss ein paar der folgenden Herausforderungen / Fragen beantworten können:

1.) Wenn wir gut ausgebildete Fachkräfte ins Land holen, diese hier mit Anfang 30 zu uns kommen, wie finanzieren wir deren Rente selbst bei ununterbrochener Beschäftigung, wenn 45 Beitragsjahre die Bemessungsgrenze sind?

2.) Wie gehen wir mit der Grundabsicherung um, für die man nicht arbeiten muss, und in welche Relation stellen wir diese zu dem, was wir uns mitunter in 40 Jahren erarbeitet haben?

3.) Migration benötigt einen Pool, in dem Migration noch stattfinden kann. Wenn aber die Migration nach wirtschaftlichen Bedarf erfolgt, werden die schon jetzt überdurchschnittlich mit Migranten besetzten Ballungsgebiete noch deutlicher mit Zuwanderung zu rechnen haben, was mitunter die Integrationsfähigkeit an die Grenze bringt. Wie soll das zukünftig aussehen?

4.) Zuwanderung in Ballungszentren treibt die Querschittskosten in eben diesen Gebieten hoch, und es stellt sich die Frage von bezahlbaren Mieten (inkl. Nebenkosten Strom, Wasser, Gas, Abfall) und Infrastrukturkosten für Flächenausbau.

5.) Wie werden Geringverdiener in Zukunft zu garnichtverdienenden Migranten rententechnisch gestellt?

6.) Wie werden Rentenabschläge im Alter berechnet, wenn man beruflich einfach nicht mehr kann? Nicht jeder Beruf ist bis zum hohen Alter geeignet…

7.) Wer zahlt die anfallenden Integrationskosten und die zugehörige Infrastruktur? Verursacherprinzip oder weiter die öffentliche Hand?

8.) Was sind die Bestandteile einer gelungenen Integration, welche sind unabdingbar (z.B. Frauenrechte, deutsche Sprache), welche werden gesetzliche Pflicht (z.B. freiheitlich-demokratische Grundordnung) und welche sind “nice-to-have” (z.B.: Qualifikation)?

Das sind nur ein paar Fragen, doch haben sie schon genug Konfliktpotential in sich, um unsere Politik dauerhaft zu beschäftigen. Doch wenn wir ehrlich sind, dann sind das die Fragen, die nun hinter PEGIDA in Dresden und anderswo stehen.

Die Menschen haben Angst, vor dem sich weiter verschärfenden Umverteilungskampf zu verlieren. Weiter Angst davor, nicht ernst genommen zu werden und – und das ist das Schlimmste – von ideologisch Andersdenkenden, oder auch nur nicht weit genug Denkenden – angegriffen / gemobbt zu werden. Das wäre in der Tat das Fanal einer Demokratie, die Rosa Luxemburg als “die der Andersdenkenden” beschrieb. In ihrer Zeit nahm sie diesen Satz für sich selbst in Anspruch. Heute gilt es, diesen Satz auch auf den Mann in Dresden anzuwenden, wenn er sagt, dass er als Patriot “der seine Heimat liebt, das Recht hat, das auszusprechen, was ihm nicht passt”.

Und diese Stimmen werden sich mehren, je mehr Menschen keine Antworten auf Fragen erhalten, wie sie denn bitteschön bis ins hohe Alter arbeiten sollen. Wie sie denn dann in ihrer eingeschränkten Produktivität mit Migranten konkurrieren sollen und wie sie dann womöglich auch noch die Zeche daraus als Rentenabschlag bewältigen können. Womöglich in Gebieten mit stetig steigenden Lebenshaltungskosten. Und das zu beantworten, zu konzeptionieren und umzusetzen – in Unternehmen wie auch in der Gesellschaft – ist Future Work.

Und nur mal so, Frau Merkel:
Dafür zu protestieren ist keine Schande, wenn auch der Rahmen nicht passt, wohl aber sich darüber zu freuen, wenn das Flaschenpfand angehoben wird, damit es sich für die Flaschensammler auch lohnt…!

 


Quellen:
[1] Rauschenberger, Sascha (2014): “Future Work und Megatrends – Herausforderungen und Lösungsansätze für die Arbeitswelt der Zukunft: Ein Kompendium zum demographischen Wandel” (Windsor Verlag)
[2] Rauschenberger, Sascha (2014): “Demografischer Wandel und Future Work: Eine gesellschaftliche Herausforderung für den Arbeitsmarkt der Zukunft” (Conplore)

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