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Deutsche Start-up-Szene: Warum investiert der deutsche Mittelstand nur zögerlich in Start-ups? Dialog mit Global High-Tech Executive+Business Angel Willem Bulthuis

 Themen: Corporate Venture, Deutschland, Europa, Management & Strategie, Mittelstand & KMU, München, Start-up-Kooperation, Start-ups

Beitrag von: Willem Bulthuis

Unternehmen: TCF Partners

Conplore Magazine:
Hallo Herr Bulthuis, Sie sind Business Angel, Investor und Board Advisor für Großunternehmen. Wie würden Sie die Start-up-Szene in Deutschland mit drei Worten beschreiben?

Willem Bulthuis:

Vielversprechend, unterentwickelt, unterkapitalisiert. Vielversprechend, weil es viele Start-ups mit sehr viel Potenzial und guten technischen Innovationen gibt. Leider ist das richtige Unternehmertum mit Business und Marketing Affinität bei vielen Gründern unterentwickelt. Damit sind nicht nur die Markt-, aber auch die Finanzierungschancen oft zu gering. Dazu kommt die noch immer schwierige Risikokapitalbeschaffung in Deutschland, vor allem für die Wachstumsphase.

Conplore Magazine:
Sie haben selber als High-Tech Executive viele Jahre in Silicon Valley gelebt. Entsteht bei uns irgendwann ein deutsches Silicon Valley oder bleibt das ein ewiger Traum?

Willem Bulthuis:

Silicon Valley kann man nicht kopieren. Es hat seine einzigartige Historie, vom Goldrausch über Rüstungs-, Halbleiter- und Software- bis zur Internetindustrie. Viele erfolgreiche Gründer aus den früheren Zeiten haben immer wieder in neue risikoreiche Startups investiert und damit fast ein “Perpetuum Mobile” geschaffen.
Wir sollten die Erfolgsformel der Silicon Valley Kultur verstehen und davon die zu uns passenden Elemente übernehmen. Vor allem sollten wir aber unsere eigene Historie schätzen und darauf aufbauen! Dazu gehören unter anderem “bodenständige” Geschäfte (statt reine Software), wie Maschinen, Energie, Landwirtschaft, Materialien sowie die vielen erfolgreichen, oft von Familien betriebenen Mittelständler.

Conplore Magazine:
Vor allem der deutsche Mittelstand investiert aber nur zögerlich in Start-ups. Woran liegt das?

Willem Bulthuis:

Das ist vor allem ein kulturelles Thema. Viele Mittelständler sind während des “Wirtschaftswunders” organisch gewachsen und sind selber ohne viel externes Kapital groß geworden. Auch die historisch sehr erfolgreiche Ingenieursmentalität spielt eine Rolle: Perfektionismus, Risikominimierung, inkrementelle Verbesserungen, Fokus auf Kernkompetenzen. Das alles passt aber nicht so gut zu Start-ups aber reicht auch nicht, um auf der Digitalisierungswelle mit zu reiten, bei der es oft um disruptive Geschäftsmodellinnovationen geht. Also sollten Mittelständler sich viel mehr mit Start-ups beschäftigen, sie umarmen und von ihnen lernen bevor es zu spät ist!

Conplore Magazine:
Wenn ich als Geschäftsführer eines etablierten Unternehmens mit einem Start-up kooperieren möchte, was muss ich beachten?

Willem Bulthuis:

Erstens sollten Sie sich Gedanken machen, was Sie sich genau von dieser Kooperation versprechen. Geht es um Zugang zu neuen Technologien, zu neuen Märkten oder darum eine neue Innovationskultur in Ihrem Unternehmen umzusetzen?
Zweitens ist es wichtig, wie Sie Ihre eigene Organisation motivieren, wirklich mit dem Start-up zu kooperieren. “Warum brauchen wir das? Wir sind doch (noch) erfolgreich! Werden sie unsere Kunden verunsichern oder sogar unser bestehendes Geschäft kannibalisieren?” Das sind typische Befürchtungen in etablierten Unternehmen.
Drittens sollten Sie sich fragen, wie Sie vermeiden werden, das Start-up zu bremsen oder mit Prozessen zu überladen. Nur wenn das Start-up erfolgreich ist, kann Ihr Unternehmen davon profitieren.

Conplore Magazine:
Und anders herum? Welche Tipps geben Sie jungen Start-ups, die mit einem etablierten Unternehmen zusammenarbeiten möchten?

Willem Bulthuis:

Start-ups sollten sicherstellen, dass sie ausreichend Freiraum haben, ihren Kernmarkt zu adressieren und nicht, explizit oder implizit, gezwungen werden, Speziallösungen für ein Unternehmen zu entwickeln. Auch sollte die Kooperation nicht zu stark auf das Kapital fokussiert sein. Für Start-ups im B2B-Bereich ist es oft wichtiger einen guten “Lead Customer” zu haben: Einen Pilot-Kunden, der früh Produkte ausprobiert, Feedback gibt, Zugang zu technischem oder operativem Wissen oder Infrastruktur einbringt sowie schließlich einen ersten Cashflow generiert.

Conplore Magazine:
Herr Bulthuis, vielen Dank für die spannenden Einblicke, Ihr Engagement und die fundierten Ratschläge!

 


 

Über Willem Bulthuis:

Willem Bulthuis ist seit 30 Jahren im internationalen Technologiesektor tätig, u.a. als Vorstand, CTO und globalen Vertriebsmanager, bei den Unternehmen Philips Electronics, NXP Semiconductors, Giesecke & Devrient und secunet Security Networks AG. Er hat in Silicon Valley und in Europa gelebt, hat Erfahrung in Industrien wie Automotive, Consumer Electronics, Semiconductors, Media, Telecom, Payment und IT Security.

Zurzeit ist er als Business Angel und Beirat für High-Tech Start-Ups aktiv und berät Private Equity und Großunternehmen im Bereich Digitalisierung, Innovation und Corporate Venturing. Sein Fokus ist auf Themen wie Connected Car, Mobility, Logistics, Smart Energy, Smart Agriculture, Nachhaltigkeit, Industrie 4.0, Smart Home.

Willem ist auch co-founding Partner von TCF Partners.

Über TCF Partners:

TCF Partners invests capital, experience and creativity to turn early stage ventures in the energy & environmental sector into de-risked, scalable investment opportunities. TCF has a long-term perspective, building and maintaining attractive portfolios for sustainable investors. TCF operates from Amsterdam, London and Munich.

(Quelle: Willem Bulthuis)


Redaktioneller Eventtipp:
Die Süddeutsche bietet aktuell eine Veranstaltungsreihe zum Thema “Start-up-Kooperation”.

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